Wer wie ich nicht mehr zu den jungen Hüpfern gehört – übrigens Gott sei Dank -, tut sich mitunter schwer, einen netten Platz zum Tanzen zu finden. Einen Ort also, wo man nicht als vermeintliche Oma von der Tanzfläche geschubst wird, einem wegen zu lauter Technomusik fast das Trommelfell platzt oder man auf dem Weg zur Toilette über mit Drogen vollgepumpte Gestalten steigen muss. Da lobe ich mir doch Clärchens Ballhaus, jene Institution in Berlin Mitte, die Ausgehen absolut demokratisch macht. Von 20 bis 70 Jahren trifft sich hier ein Publikum, was garantiert nicht cool sein will, sondern einfach kommt, um zu tanzen und Spaß zu haben. Seit Jahren legen DJs am Wochenende die größten Dance-Kracher der vergangenen Zeit auf – von Abba über Bee Gees, Rock’n Roll, Amy Winehouse bis hin zu Schmachtschlagern der 60ziger. Eine Mischung, die genauso eklektisch ist wie die Gästeschar. Pärchen jeden Alters versuchen sich mit Standardtänzen, mal mehr oder minder gelungen, was aber hier keinen wirklich interessiert. Denn man befindet sich in keinem Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit, was den Laden unglaublich entspannt und auf sympathische Weise altmodisch macht. Frauen tanzen alleine oder zu zweit oder
lassen sich auch mal gerne antanzen. Hier gibt es ihn noch – mitten im vermeintlich coolen Mitte-Milieu – den altmodischen Flirt, der bei einem Lied beginnt, das alle mitgrölen können und von den Stühlen reißt. Um 22 Uhr ist die Hölle los auf der Tanzfläche, Fleisch reibt sich an Fleisch, jeder pflegt seinen eigenen Tanzstil. Hübsch zurecht gemachte Frauen bewegen sich ekstasisch neben Menschen in schlichtem T-Shirt und Jeans. Bei Männern mittleren Alters sind im Sommer weiße Hosen beliebt, manchmal einen Tick zu durchsichtig oder zu eng oder beides auf einmal. Auch das ist am Ende völlig egal genauso wie das zu enge Tigershirt der Dame in den 50zigern, die sich völlig versunken zu Kim Carnes 80ziger-Jahre-Hit „Bette Davis Eyes“ bewegt.
Da ist der Mann mit dem Hut, der fast zwei Stunden ohne Unterbrechung vor allem seine Beine schwingt wie wir das sonst nur von Schmidtchen Schleicher kannten. Zwei Freundinnen, die ihre schönsten schwingenden Kleider aus dem Schrank hervorgeholt haben und nun mit sehnsuchtsvollen Augen ihre Runden auf den Holzdielen von Clärchens drehen. Oder das Pärchen im mittleren Alter, das ganz alte Tanzschule, zu jedem Hit eine andere Standardvariante zum Besten gibt. An unserem Tisch landet ein Pärchen aus Hamburg, das von Clärchens gehört hatte und den Wochenendbesuch damit abrundet.
Bei einfachen, ehrlichen und bezahlbaren Speisen gibt es schon früh etwas zu gucken, denn hier wartet keiner, dass die Party erst um Mitternacht losgeht. Um 20h30 ist das Ballhaus bereits gut gefüllt und die ersten gehen direkt auf die Tanzfläche. Bei Rotkäppchen-Sekt, den man ehrlicherweise nur an diesem Ort aushält, kann man glotzen, mitsingen, schunkeln und natürlich tanzen bis zum Umfallen.
Übrigens gibt es einmal im Monat einen Abend, wo sich Menschen mit gebrochenen Herzen treffen, um vielleicht beim Tanzen jemand zu finden, der die Wunden heilt. Auch das ist eine wunderbar altmodische Idee, nach der wir letztlich aber alle gieren. Denn bei Clärchens gibt es sie noch, die überall vermisste Menschlichkeit, die Einfachheit der Begegnung, das unverbindliche Plaudern, aus dem auch mehr werden kann. Hier darf jeder sein, wie er ist und dass das Clärchens möglich macht, ist vermutlich der beste Service, den man in Mitte beim Ausgehen bekommen kann.
Post a Comment